Rücksch(t)au

Kilometerstand: 10.881 km (wieder zu Hause)

 

Die letzten 2.000 km liegen hinter uns – wir sind wieder gut zu Hause eingetroffen.

 

Spätestens, als wir in Sozopol, in der Nähe von Burgas in Bulgarien den Kreis um’s Schwarze Meer geschlossen hatten, ging es uns wie einem Pferd, das die Nähe des Stalles wittert. Durch traumhaft schöne Landschaften entlang des Balkangebirges fuhren wir bis Sofia und dann weiter auf dem Autoput über Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich nach Hause.

Damit ging eine lange – immerhin 45 Tage dauernde -, spannende und erlebnisreiche Reise zu Ende. Sie führte uns in Gegenden, von denen hier in Mitteleuropa immer noch die Nachrichten aus den 90er Jahren, über Krieg und Bürgerkrieg, präsent sind. Besonders die Länder der Kaukasusregion stellen für die meisten Westeuropäer ein Buch mit sieben Siegeln dar. Oft gelingt es uns nicht einmal die Länder geografisch zu verorten, über die zivilen und politischen Verhältnisse haben wir keinerlei aktuelle Informationen. CNN, ARD und ZDF berichten halt nicht – die Länder befinden sich unterhalb der weltweiten Wahrnehmungsschwelle und nur selten werden Dokumentationen gedreht und gesendet.

Für mich war die Fahrt wie eine Reise in die Vergangenheit. Schon in Rumänien fühlte ich mich an meine Kindheit auf dem Dorf erinnert, als wir auf ungeteerten Straßen zwischen den Dörfern unseren Weg suchten.

Straße in Rumänien

Pferdefuhrwerke, auf denen die Leute zur Kirche fuhren oder das Heu und Stroh eingebracht wurden, begegneten uns.

Pferdefuhrwerk

Warten auf Ladung

In den Vorgärten fielen die gepflegten Beete mit Bohnen, Gemüse, Salat und allerlei Kräutern ins Auge und wie bei uns in den 60er Jahren

Dorfstraße

beginnen die Kommunen gerade die Dorfkanalisation einzubauen.

Je weiter wir nach Osten kamen, desto weiter entfernten wir uns von dem, was wir von hier kennen und erlebten mehr und mehr wie die Menschen, landwirtschaftlich geprägt, für ihre Existenz arbeiten, ja manchmal auch kämpfen.

In der Ukraine finden wir Straßen vor, deren Zustand so schlecht ist, dass der Gegenverkehr auf unserer Straßenseite fährt, um nicht durch die Schlaglöcher auf der anderen Seite fahren zu müssen. Natürlich ging das auch in der Gegenrichtung manchmal nicht anders. Das Land macht offensichtlich keine Ressourcen für die Erhaltung der Verkehrsinfrastruktur frei.

Ukraine - aus alter Zeit

Viele Reisende berichten über willkürliche und bakshish-trächtige Polizeikontrollen in diesem Land. Wir waren entweder zu viele – weil zu viert – oder zu angepasst an das Verhalten der Einheimischen, als dass uns auch nur ein Polizist aufgehalten hätte.

In Russland beeindruckt uns der gute bis sehr gute Zustand der Straßen.

Russische Straße im Kaukasus

Es gibt wohl genug öffentliche Gelder, um sie in gutem Zustand zu halten oder sogar neu zu bauen. Allerdings haben die Städte den Flair aus alten, sozialistischen Zeiten bei weitem noch nicht abgestreift – so gesehen war auch das für mich eine Reise in die Vergangenheit.

Nach den Kriegen um Awchasien und Südossetien in den 2000er Jahren haben sich die Georgier an die EU gewandt und offensichtlich auch großzügige Unterstützung erhalten. Überall in den größeren Städten finden wir Hinweise auf ein ‚Field Office‘ einer EU-Organisation.

RS-11

Wie zu hören war, hilft die EU auch, die öffentliche Verwaltung auf westlichen Standard zu heben und das zeigt offensichtlich Wirkung.

Tiflis, Georgien

In Armenien finden wir nichts davon. Es sieht so aus, als ob vor allem die Auslandsarmenier ihrer alten Heimat Hilfe zukommen lassen. Dies scheint jedoch bei weitem nicht genug, um die Lebensverhältnisse im Land nachhaltig zu verbessern.

Kuhpferch aus Schrott und Betonteilen

Trotzdem treffen wir ein gut funktionierendes Gemeinwesen an, in dem die Polizei auf den Straßen intensiver für Ordnung sorgt, als in allen anderen Ländern auf unserer Route. Wir mussten jedoch mit den Ordnungshütern keine Bekanntschaft schließen.

Armenisch (- deutsche) Tanksäule

Sehr erstaunt war ich über das ‚Boom-Country‘ auf unserer Reise, die Türkei. Überall werden neue Straßen und Gebäude gebaut. Es scheint Geld im Überfluss zu geben, oder sollte sich etwa ein neues ‚Spanien‘ am Bosporus anbahnen?

Nur noch ein kleines Stück der Küstenstraße am Schwarzen Meer, es befindet sich weit im Westen, ist von Bulldozern und Baggern unberührt. Die Straßen verlaufen noch so, wie sie die Esel auf dem Weg von einem Dorf ins nächste schon vor vielen Jahrhunderten getreten haben – bergauf, bergab, in eine Bucht hinein und wieder heraus – einfach traumhaft. Hoffentlich bleibt das noch ein paar Jahren so, denn die ‚Modernisierung‘ schreitet vehement voran und frisst sich tief in die Landschaft.

 

Neben allem, was wir gesehen haben, ist die Begegnung mit den Leuten in den verschiedenen Ländern das eigentlich Spannende einer solchen Reise. Besonders dann, wenn man keine der Sprachen beherrscht und auf den guten Willen und die Freundlichkeit des Gegenübers angewiesen ist.

In keinem Land sind wir diesbezüglich enttäuscht worden! Alle Leute, die wir trafen, mit denen wir Kontakt suchten und die Kontakt zu uns aufnehmen wollten, waren sehr freundlich, sie waren hilfsbereit und auch immer ein wenig neugierig. Ihre Gastfreundschaft war sprichwörtlich und für uns mehr als vorbildlich.

Point it

Hin und wieder half zur Verständigung nur das kleine Büchlein mit dem Titel ‚Point it‘, in dem Fotos die ‚Sprachlosigkeit‘ überbrücken helfen und es half immer!

Hier nur ein paar Beispiele, wie es uns erging: Oft hielten wir an und es kamen Familienväter mit ihren Sprösslingen auf uns zu und wollten den Kleinen mit dem Motorrad und einem von uns fotografieren; junge Männer gefielen sich, auf einem unserer Motorräder zu sitzen und dabei mit dem Mobiltelefon fotografiert zu werden.

Roadside Restaurant

In den kleinen Restaurants am Straßenrand erhielten wir die besten Spieße direkt vom Grill, wenn wir das Bild in ‚Point it‘ zeigten.  In Tiflis lud uns der Hotelbesitzer zum Abschied zu einer üppigen Brotzeit mit einer Karaffe georgischen Weins auf der Terrasse über den Dächern der Stadt ein. Im Hotel in Armenien wurde für uns ein Tisch im Garten gedeckt und wir mit einem köstlichen Mahl bekocht.

Parkplatz für die Nacht

Eine Pensionswirtin in Safranbolu deckte unsere Motorräder mit Plastikplanen zu, als es in der Nacht zu regnen begann. Ein älterer Herr in Yakakent überließ uns seine Garage kostenlos um unseren Motorrädern für die Nacht einen sicheren Platz zu geben.

Garage für unsere Bikes So kann ich nur von positiv überraschenden und angenehmen Begegnungen berichten, wofür ich sehr dankbar bin.

 

Zum Schluss, aber nicht zuletzt, möchte ich mich bei meinen Mitreisenden bedanken. Zusammen waren wir die ‚Schwarzmeerflotte‘ und zusammen kurvten wir die fast 11.000 km durch 16 Länder mit 14 Währungen und 12 verschiedenen Sprachen.

Schwarz - Rot - Gold

Vielen Dank an Klaus, der mit seiner Idee den Auslöser für die Reise gegeben hat. Mit seiner ‚Gelben‘ 1150 stand er für das ‚Gold‘ in der Flotte.

Klaus

Mit seinem Bedarf, jeden Tag mit einen Apfel zu beginnen hat er dafür gesorgt, dass wir immer wieder Kontakt zu den Straßenhändlern bekamen und einmal sogar, dass wir mit einer riesigen Wassermelone beschenkt wurden.

 

Vielen Dank an Christoph, dessen 1200er das ‚Rot‘ in der Flotte repräsentierte.

Christoph

Er war der erste, der uns mit den wohl besten Wassermelonen der Welt bekannt machte, so dass wir das Geschenk von Klaus erst richtig zu würdigen wussten. Ich bin schon gespannt auf die Filme, die er als ‚Teletubbie‘ mit der Kamera auf dem Helm gedreht hat.

 

Vielen Dank an Fritz, der mit seiner QNERO, einer 1200er Tripple-Black, das ‚Schwarz‘ in die Flotte einbrachte.

Fritz

Auf den fast 11.000 km bist Du zum echten GS-Fahrer geworden – deine Vergangenheit auf den amerikanischen Produkten wird sich mehr und mehr verklären und Geschichte werden; das richtige Motorradfahren hat jetzt begonnen.

 

Vielen Dank an Tobi, der die ‚Perla Negra‘ – sie wurde nach der Südamerika Reise wieder rot – nach längerer Ruhepause wieder aktiviert und gleich zweimal in den Osten geritten hat. TobiZuerst hat er uns bis Hermannstadt in Rumänien begleitet und dann kam er, nach einer recht komplizierten Lenkkopflager Reparatur in der heimischen Garage – die Perla Negra wird ja auch nicht jünger -, nach Istanbul, um die Schwarzmeerflotte nach der Umrundung wieder auf eropäischen Boden in Empfang zu nehmen. Vielen Dank auch für die Fotos, die Du für den Blog zur Verfügung gestellt hast.

Und ganz besonders auch herzlichen Dank an Roland, dessen Auftauchen in Istanbul für mich die schönste Überraschung der ganzen Reise war.

Roland

 

Vielen Dank auch an alle Leser, die wieder ‚mitgefahren‘ sind und besonders an alle, die mit Kommentaren die Reise begleitet haben.

Bleibt gespannt – die nächste Tour kommt bestimmt.

Eine Antwort auf „Rücksch(t)au“

  1. Ja lieber Paul
    Und ich möchte mich hier bedanken für eine bestens organisierte Reise durch mir fremdes Terrain sowohl an Landschaften als auch an Kulturen und Menschen. Diese 45 Tage meines Lebens werde ich nie vergessen. Du hast mir gezeigt, wie man mit einem Motorrad nicht nur neue Länder, sondern auch die Herzen von neugierigen, freundlichen und hilfsbereiten Menschen erobern kann. Ich könnte an dieser Stelle noch sehr sehr viel hinzufügen, aber ich hoffe du bist mit einem glücklichen „DANKE“ zufrieden.
    Diese Reise hat meinem Motorrad-Motto so richtig das Tüpfelchen auf dem I verliehen:
    4 Räder tragen deinen Körper – 2 Räder deine Seele

    Teletubbie Christoph

Kommentare sind geschlossen.