Auf Wiedersehen Amerika

Kilometerstand am Ende der Nordamerika Reise: 29.835 km

 

Nach ein paar Rasttagen in den Black Hills machen wir uns auf die letzte Etappe.

Die Fahrt an die Küste führt uns am BMW Werk Spartanburg vorbei, was wir zu einem Besuch bei den Kollegen nutzen.

Wir werden vom Werkleiter Josef Kerscher begrüßt, der für uns eine Werkführung und ein besonderes Schmankerl arrangiert hat. Wir dürfen uns die Fertigung ansehen  und dabei in Augenschein nehmen, was sich in den letzten Jahren im Werk getan hat. Vor allem beeindruckt uns, wie groß das Werk geworden ist. Es werden hier alle X-Modelle gebaut, nur der X1 wird in Deutschland gefertigt. Die Tageskapazität liegt weit über 1.000 Einheiten und die Jahresstückzahl 2012 wird vermutlich die 300.000er Grenze überschreiten. Ein riesiges Werk ist aus dem amerikanischen Standort geworden.

Das Schmankerl für uns ist der Besuch im Performance Center.

Es stellt eine Mischung aus Präsentationsplattform für die Autos und Fahrschule für Kunden und Fortgeschrittene dar. In einem X5 dürfen wir den X-Trail fahren, eine Geländestrecke, auf der die Allradler zeigen, was sie können. Natürlich fährt ein ‚Instructor‘ in seinem Auto voraus, denn die Fahrsituationen gehen an vielen Stellen über die Erfahrungsgrenzen des Fahrzeuglenkers hinaus. Die Strecke verlangt vom Fahrer eine gehörige Portion Mut und Vertrauen auf die Technik, das Auto steckt das locker weg. Zum Abschluss unseres Besuchs wechseln wir das Auto und tauschen das ‚X‘ mit einem ‚M‘. Was soll ich sagen – 570 PS, Rundstrecke, ‚Einbahnverkehr‘ und alleine auf der Strecke 🙂 …benötigt es da noch vieler Worte? Es ist eine schöne Art den Kreis zu schließen, vielen Dank an Herrn Kerscher, der das ermöglicht hat.

Ganz nebenbei erhält die Perla Negra II auch noch den 30.000 km Kundendienst bei TouringSport BMW, dem örtlichen Motorradhändler, in Greenville. Vielen Dank an Hans-Peter für den Tipp und auch an Claudia für die Gastfreundschaft zum ‚Stopp-over‘ in Simpsonville.

Auf unserem Weg nach Süden haben wir immer ein Auge auf ‚Isaac‘, den Hurrikan, der aus der Karibik auf den Süden der USA zusteuert. Zum Glück für uns nimmt er die westliche „Rennbahn“, geht also um Florida herum und steuert in den Golf von Mexiko auf New Orleans zu. Das heißt, wir bekommen nur die Ausläufer ab, aber Louisiana und dort vor allem wieder New Orleans und das Mississippi-Becken fangen sich die volle Ladung ein.

Trotzdem haben wir unglaubliches Glück, denn als wir wegen der Änderung des Schiffsfahrplans einen Tag früher, als erwartet nach Charleston fahren müssen, bekommen wir auf der Strecke zwar eine gehörige Portion tropischen Regens ab – „viele Grüße von ‚Isaac‘ “ – aber als wir gegen Abend in der Stadt ankommen, hat sich das Wasser, das die gesamte Altstadt zur Mittagszeit für Stunden ca. 30-40 cm unter Wasser gesetzt hatte, schon wieder verzogen. Wir fahren fast trockenen Fußes zu unserem Hotel.

Hier angekommen, bereiten wir unser Gepäck und das Motorrad zum Seetransport vor.

Die Per la Negra II steht nun verpackt im Hafen und wartet auf die Dover Highway – schon bekannt von der Hinreise – auf die Rückreise nach Bremerhaven.

Wir haben noch ein paar Tage vor uns und lassen unsere Zeit in Nordamerika langsam austrudeln. Wir spazieren nochmal in aller Gemütlichkeit durch Charleston und genießen die Stadt.

Ganz in der Nähe von Charleston liegt die Boone Hall Plantation, eine der alten Plantagen, die bereits im 18. Jhdt. gegründet wurde.

Sie startete mit dem Anbau von Baumwolle, Reis, Indigo, später wurde sie der weltweit größte Produzent von Pecan Nüssen und natürlich hat sie auch eine Geschichte im Zusammenhang mit den Sklaven aus Afrika. Die Gründer bewirtschafteten die Plantage vier Generationen lang.

Mit der ‚Emancipation‘, wie die Nachfahren der Sklaven die Befreiung aus der Leibeigenschaft 1863 nennen,

fand die Gründerfamilie keinen Weg, die Plantage zu erhalten, sie verkaufte.

Danach wechselten die Besitzer mehrmals, bis 1955 die Familie McRae die Plantage übernahm.

Sie machte den Landsitz der Öffentlichkeit zugänglich, erhielt und entwickelte die Landwirtschaft als funktionierende, moderne Plantage und ist dabei offensichtlich sehr erfolgreich.

Vor allem aber die lange Auffahrt, die ‚Avenue of Oaks‘, eine Allee aus moosbehangenen, riesigen Eichen, deren weit ausgreifende Äste bewachsen mit dem ‚Resurrection Fern‘ =  Auferstehungsfarn (sieht bei Trockenheit verdorrt aus und ergrünt neu nach einem Regenschauer) ein schattenspendendes Dach über dem kerzengeraden Weg bilden, treffen unsere Vorstellung, oder soll ich sagen das Klischee, vom Süden der USA vollkommen.

Wir fühlen uns, wie in die Szenerie von „Vom Winde verweht“ versetzt, obwohl uns die Leute auf der Plantage sagen, dass andere, aber nicht der Film hier gedreht wurden.

 

Unsere letzen Tage im Süden verbringen wir in Myrtle Beach mit Sonne, Strand und Meer. Sonne tanken für den Herbst zu Hause, ein wenig Florida und ein wenig Rimini.

 

So blicken wir auf vier Monate zurück, in denen wir einen Teil des Nordens Amerikas gesehen und ein wenig auch kennen gelernt haben. Wir waren zwar nur in zwei Ländern unterwegs, haben aber erlebt, wie unterschiedlich Land und Leute auch hier sein können. Auf der Reise von Ost nach West konnten wir sehen und hören, wie sich entlang des Wegs nicht nur die Landschaft sondern auch die Lebensart und der Akzent in der Sprache änderte. Überall wurden wir offen empfangen und mit ein wenig Neugierde nach unserem Woher und Wohin gefragt. So haben wir überall Leute getroffen, die uns über ihre deutschen Vorfahren berichteten. Andere erzählten uns über die schönen Jahre als Soldat in Deutschland und eine Kassiererin an der Safeway Supermarkt Kasse schenkte uns eine Clubkarte, ohne nach Adresse und Personalien zu fragen, nur damit sie uns den Einkauf rabattieren konnte – sie hatte eine sehr schöne Zeit in Deutschland, als ihr Mann dort bei der Army stationiert war. Damit waren auch alle weiteren Einkäufe verbilligt und sogar an der Safeway Tankstelle war das Benzin 10 Ct billiger.

Mit dem Überschreiten des 60. Breitengrades nach Norden betraten wir eine für uns neue Welt. Die Weiten des Nordens nahmen uns auf und hielten uns in ihrem Bann. Wir waren über weite Strecken ganz alleine und manchmal auf einer tausend Kilometer langen Strecke sicher mit nicht mehr als 200 Menschen unterwegs. Nur an wenigen Stellen in Europa kann man so alleine sein. Fasziniert beobachteten wir die wilden Tiere von unserem Motorrad aus und sind am Ende froh darüber, dass sie schöne Fotomotive abgaben aber alle seitlich der Strasse blieben.

An der Vegetation konnten wir sehen, dass sie rauem Klima ausgesetzt ist und in kurzer Zeit, nicht viel mehr als drei Monate, alles unterbringen muss, wofür Bäume, Sträucher, Gemüse und Blumen bei uns neun Monate Zeit haben. So sahen wir Flieder, Lupinen, Geranien, gelbe Lilien, Rittersporn und Margeriten gleichzeitig blühen. Die Botanik war in Eile, um bis zum September fertig zu sein. Ganz anders die Leute, die von der Eile und Hektik des Südens nur ganz wenig mit hierher gebracht haben. Wir trafen ausgeglichene, nette, freundliche und hilfsbereite Leute. So wie Bruce, der uns in Whitehorse ansprach und fragte, ob wir ein Problem hätten und der darauf unseren Freunden Peter und Edith zu einem Internetzugang verhalf, als sie ihn nur mit Hilfe eines „Einheimischen“ bekommen konnten.

Die Geografie hielt noch eine weitere Erfahrung für uns bereit, als wir im Süden Kanadas die Prärie nach Osten durchquerten. Hier konnten wir am Sitzfleisch und an der Anzahl der Lenkbewegungen erleben, wie flach und groß die Prärie ist, wie gerade man Strassen bauen kann und wie weit selbst Dörfer voneinander entfernt liegen können. Links und rechts der Strasse Grasland – stundenlang. Kanada, ein weitgehend leeres und sehr schönes Land.

Und immer wieder trafen wir mit anderen Motorradfahrern zusammen, die, wie wir, auf Achse waren. Hier hat sich der Spruch „Kauf dir ein Motorrad und du bekommst eine ganze Gemeinde dazu“ bewahrheitet.

Wir trafen unter anderem John und George, zwei Texaner, die ihrer Familiengeschichte in Deutschland nachspüren, Brian und Joanne aus Neuseeland, die ihre Farm für ein halbes Jahr einem Mitarbeiter überlassen haben, um sich Amerika anzusehen, John aus Vancouver, der auch eine BMW 1150 RT in Holland stehen hat, um durch Europa zu touren und Nagin und Noshine, zwei iranischstämmige Mädchen aus Vancouver, die zu zweit auf einem Motorrad für das Motorradtreffen ‚Dawn2Dawson‘ nach Dawson City und bei widrigem Wetter den glitschigen ‚Top of the World Highway‘ gefahren sind – Hut ab und großen Respekt.

Nicht zuletzt haben wir uns über die überaus freundliche Aufnahme bei unseren Freunden entlang der Strecke gefreut. Wir haben die gemeinsamen Stunden genossen und freuen uns auf ein Wiedersehen – wo immer es sein wird.

So verabschieden wir uns von Nordamerika in der Gewissheit, als Motorradfahrer Land und Leute aus einer besonderen Perspektive erlebt zu haben und bedanken uns bei allen, die dazu beigetragen haben, unsere Reise „Wir fahren nach Amerika“ zum Erfolg zu machen.

Auf Wiedersehen – vielleicht auf einer anderen Reise.

2 Antworten auf „Auf Wiedersehen Amerika“

  1. Hallo Kathy & Paul,
    mit großem Interesse und einer gesunden Portion Neid haben wir Euch im Blog auf Eurer interessanten Reise begleitet und wünschen Euch jetzt einen angenehmen Heimflug.
    Edith & Peter

  2. Hallo Paul
    Muß sagen, Hut ab vor diesen Leistungen, alles war so still um Dich,
    habe mir schon Sorgen gemacht.
    Toll daß ihr das so alles auf die Reihe bekommt.
    Sehe mir natürlich Deinen, Euern Vortrag an.
    Bis dann.
    Dieter

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